25.5.2021   <<    22. Juni 2021   

Opas Erkenntnisse

Heute vor 80 Jahren erklärte mein Opa Willy seiner Familie:

Der Krieg ist verloren. Ab jetzt geht es nur noch ums Überleben.

Bild: Anirdnung zur Vorbereitung des Unterhmen Barbarossa {JPEG}

Das waren die Worte eines Mannes, der kurz nach 1933 auf Empfehlung von Kameraden in die Nazipartei eingetreten war und seitdem angeblich einen bescheidenen Posten als Quartiermeister in der Lichterfelder Kaserne am Gardeschützenweg, in Wirklichkeit aber ein Büro im Reichsluftfahrtministerium an der Wilhelmstraße hatte, auf der selben Etage, am anderen Ende des Gangs zum Chef. Der hieß Hermann Göring.

Willy Meier war eigentlich Friseur, eine unverdächtige, gewöhnliche Tätigkeit, die Edgar Hilsenrath und Charlie Chaplin den Hauptfiguren von Roman und Film zudachten. Opa wollte keine Hauptfigur sein. Obwohl Nazi mit Parteiabzeichen war er im Grunde recht hellsichtig. 1939 hatte er begonnen, sich gegen das Nazireich zu stellen, als er seinen Sohn nachdrücklich davon überzeugte, sich nicht freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Das war keine Heldentat. Oma Minna und Opa Willy wollten einfach nicht, daß ihr Sohn Fritz als Soldat sein Leben aufs Spiel setzte.

Bild: SA Aufmarsch am 30.Januar 1933 {JPEG}

Als die SA am 30. Januar 1933 einen triumphalen Fackelzug durch das Brandenburger Tor veranstaltete, war Opa Willy mit seinem Sohn vom Alexanderplatz zum U-Bahnhof Kaiserhof gefahren und von dort zum Brandenburger Tor gelaufen. Es war spät, es stank vor Rauch, und er trug den müden Achtjährigen auf seinen Schultern, damit der das Ereignis gut sehen konnte.

Am Tag als die Nazihorden die Sowjetunion überfielen, war Fritz 16 Jahre alt. Als Kind hatte er erlebt, wie jüdische Klassenkameraden während des Unterrichts Besuch bekamen und aufgefordert wurden, sich von ihren Mitschülern zu verabschieden. Am ersten September 1939 schloß er mit seinem Vater einen Pakt, daß er nie Soldat werden würde. Dafür wurde er nach einer Klopperei mit Hitlerjungen von der Gestapo verhaftet und in das Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Ein paar Stunden später nach Dienstschluß holte ihn ihn sein Vater dort ab, tobend welche Idioten seinen Sohn wegen einer Lappalie verhaftet hätten. Fritz hatte den Finger gehoben, als die Gestapo fragte, wer für die Klopperei verantwortlich war. Er wußte, daß er auf seinen Vater zählen konnte. Für die Eltern seiner Mitschüler, die sich auch mit den Hitlerjungen geprügelt hatten, waren die Türen des Gestapo-Palais undurchdringlich. Ihre Söhne wären nicht ohne weiteres freigekommen.

So viel Mitmenschlichkeit versuchte Fritz sich in den verbleibenden vier Kriegsjahren abzugewöhnen, denn es durfte keine zweite Verhaftung geben.

Eine Entdeckung von Fritz manipulierten Wehrpass oder ein falsches Wort hätte beide das Leben kosten können. Vater und Sohn konnten niemand vertrauen. Opa Willy stellt seinen Sohn dennoch oder gerade aus diesem Grund immer wieder als Hilfsagent an, und ließ ihn mit Marschbefehl ausgestattet Gefangene aus der Gestapohaft an die Schweizer Grenze bringen, wo Fritz ihnen erklärte, wie sie den deutschen Patrouillen entgehen konnten. Opa Willys Beziehungen reichten bis in die Schweiz, wo der aus Berlin emigrierte jüdische Filmproduzent Julius Pinschewer Kontaktmann und Obdachgeber für die gerade der Gestapo Entronnenen war.

Bild: Deutsche Panzer in der Sowjetunion {JPEG}

Opa Willy war in seiner Jugend ein in die Wolle gefärbter Antisemit. Unter dem Eindruck der brutalen Verfolgung, von der er recht genaue Kenntnis hatte, änderte sich seine Haltung. Er wollte mit den Verbrechen nichts zu tun haben und beteiligte sich nach eigener Auffassung nicht an ihnen. Diese Haltung teilte er offensichtlich mit einigen seiner Kollegen. So konnte er seinen Sohn schützen und selber den Mörderhöhlen fernbleiben. Nach dem Krieg scherzte er, dass es ganz gut wäre, daß Deutschland verloren hätte, denn er hatte keine Lust, als Gutsbesitzer auf einer Farm in den Ostgebieten zu leben, wo er den Feierabend auf der Terrasse immer mit geladener Pistole hätte verbringen müssen.

Mit seinem Eintritt in die NSDAP hatte er den gleichen folgenschweren Fehler gemacht wie viele andere Deutsche. In Einem hatte Opa Willy Recht. Vor 80 Jahren ging es nur noch ums Überleben. Für Millionen Sowjetbürger.


Die historische Einordnung des Anekdotischen liefert Götz Aly in diesem Interview. Man muss das nicht völlig zutreffend finden. Aufschlußreich ist es auf jeden Fall. Der bürgerliche Wissenschaftler übergeht das Versprechen des Nationalsozialismus, daß auch aus einem intelligenten deutschen Friseur ein Herrscher werden sollte. Über den „sozialistischen“ Anteil des Nationasozialismus, sollte mmehr gesagt werden.