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Im Irrenhaus

Es ist eine alte, nie zufriedenstellend beantwortete Frage, ob die wahren Irren vor oder hinter den Gitterstäben sitzen. Ich vermute, dass uns mit Blick auf die Affen im Zoo eingeredet werden soll, es gäbe eine simple Antwort.

Im Herbst des Jahres 2022 liest sich Joseph Roths Reportage aus dem Irrenhaus des zerfallenden Imperiums  [1] wie eine Beschreibung aktueller Zustände.

Interviews

Ich habe von einigen interessanten »Fällen« gehört, und ich lasse mich bei ihnen anmelden.

Ob der Herr Doktor bereit wäre, mich zu empfangen? Jawohl, sehr gerne. Ein großer blonder Mann, glattrasiert, mit ausdrucksvollen Zügen, sympathischen blauen Augen, empfängt mich. »Dr. Theodosius Regelrecht, Advokaturskandidat.« Seinen Namen hat er abgelegt, er will überhaupt von seiner Familie nichts wissen, er heißt »Regelrecht« und damit basta. Er schreibt an seinen Memoiren, behauptet, viel erlebt zu haben, und ist jedenfalls eine Persönlichkeit.

»Sie gehören zur Papierverwertungsbranche?« Seine erste Frage ist etwas verblüffend, ich erwidere mit einem kleinlauten »Ja«. »Ich habe also die zweifelhafte Ehre«, fährt er fort, »in Ihnen einen Teil jener unmaßgeblichen Meinung zu sehen, die man die ›öffentliche‹ nennt? Sie sind einer jener ›freien Berufe‹, die sich infolge eines fatalen Versehens der Natur nicht am Strich anbieten können und es infolgedessen über oder unter dem Strich tun! Nun, stellen Sie Ihre Fragen?«

»Wie denken Sie über die politische Lage Deutschösterreichs, Herr Doktor?«

»Deutschösterreich ist ein kaiserloses Kaiserreich, aber keine Republik. Reichspräsident, Staatskanzler, oder wie das Oberhaupt heißt, würde sich zum rücksichtslosesten Bolschewismus bekehren um den Preis – einer Königskrone. Sämtliche ehemaligen österreichisch-ungarischen Nationen schließen sofort Frieden und Donauföderation, wenn man ihnen gestattet, noch einmal an einem Kaiserjubiläumsfestzug teilzunehmen. Sämtliche Zeitungen würden den Staatsanwalt – ich glaube, er hieß Dr. Mager – mit einem wahren Grubenhundefreudengeheul begrüßen, wenn ihnen gestattet würde, die Rubrik ›Hof- und Personalnachrichten‹ wiedereinzuführen. Alle Telepathen und Ringkämpfer verlieren sofort ihr ganzes Publikum, wenn irgendeine Hoheit noch einmal geruht, vor einem Grinzinger Kriegsspital wieder vorzufahren, und die Sehnsucht der Wiener nach der Burgmusik ist so unüberwindlich, daß sie aus Mangel an dieser Kommunistenversammlungen abhalten.«

»Glauben Sie an den Kommunismus, Herr Doktor?«

»Er kann kommen, aber wenn er kommt, wird er ein Kommunismus mit einem ›goldenen Herzen‹ sein. Auch in Budapest ruft man ja ›Eljen Kun!‹ nur deshalb, weil man nicht mehr ›Eljen Kiralyi!‹ rufen kann!« »Glauben Sie an die Wiederkehr der Monarchie?« »Was ist das für eine Frage? Kommunismus oder Monarchie – beides ist deutschösterreichisch, und beide sind nicht. Im übrigen habe ich mich lange genug aufgehalten. Berichten Sie dem Irrenhaus, das sich ›Welt‹ nennt und für das Sie schreiben, daß ich, Dr. Theodosius Regelrecht, keineswegs gesinnt bin zurückzukehren. Ich bin nicht irrsinnig!«

Damit ging ich. Mein nächster Besuch galt einem würdigen, graubärtigen Herrn, der eine bunte Papierkrone auf dem Kopf trägt und sich den »letzten Kaiser« nennt. Offenbar liest auch er Zeitung, denn er ruft immer wieder: »Mich werden sie nicht absetzen!« Seine traurige Majestät ist unnahbar, also ging ich weiter.

Im Korridor eilt ein kleines, dürres Männchen auf mich zu.

»Dr. Regelrecht hat mir von Ihnen erzählt. Ich bin bereit, stehe Ihnen zur Verfügung. Ich habe gehört: Die Monarchie ist aufgelöst, der Reichsrat nach Hause geschickt, und in der Nationalversammlung hat ein Staatssekretär eine Thronrede gehalten in Vertretung des Kaisers, den er zu diesem Zweck in die Schweiz geschickt hat. Oh, das Ende der Welt!«

»Sind Sie nicht etwas zu pessimistisch?«

»Ich? Im Gegenteil! Ich sehe nur, daß sich die Welt zu neuer Anschauung bekehrt. Seit Jahr und Tag predige ich: ›Die Welt steht auf dem Kopf.‹ Deshalb haben sie mich für verrückt erklärt. Aber jetzt steht sie auf dem Kopf!«

»Wie sind Sie hergekommen?«

»Oh, ganz einfach! Sieben Kriegsanleihen hatte ich ruhig mitgezeichnet. Als man mich aber aufforderte, noch eine achte mitzumachen, bekam ich einen Lachkrampf und rief: ›Die Welt steht auf dem Kopf!‹ Hätte ich damals, wozu wohl mehr Anlaß gewesen wäre, einen Weinkrampf bekommen, man hätte mich eingesperrt. So kam ich hierher und hatte durch einen monatelangen Verkehr mit Menschen, die reiche und große Ideen haben und die man deshalb ›Idioten‹ nennt, Gelegenheit, meine Weltanschauung zu vertiefen.

Ich rate Ihnen: Kommen Sie zu uns! Sie sind Schriftsteller, und es dürfte Ihnen schon gar nicht schwerfallen! Denn die Ärzte glauben einem niemals, daß man vernünftig ist. Ich verzeihe es ihnen: Ihr Studium und ihr Verkehr mit Kollegen berechtigen sie zu diesem Mißtrauen. Aber kommen Sie zu uns, gründen Sie eine Zeitung. Ich will sofort abonnieren. Es soll eine satirische Wochenschrift sein, und Sie brauchen keine Witze zu verfassen! Drucken Sie bloß psychiatrische Gutachten nach und behördliche Erlässe! Und jetzt leben Sie wohl!« ...

Abschied

Offen gestanden: Er fällt mir schwer. Abend hüllt die Insel der Unseligen – oder Seligen? – in blauen Dunst. Nur die Kuppel der von Otto Wagner erbauten prachtvollen Kirche glänzt noch herüber. Vielleicht hat er recht, der kleine Professor? Ist die Welt nicht ein Tollhaus? Und ist es nicht praktisch, sich rechtzeitig ein warmes Plätzchen im » Steinhof« zu sichern? Ich werde es vielleicht doch tun. Und – eine Zeitung gründen. Ich suche auf diesem Wege Mitarbeiter ...

Der Neue Tag, 20. 4. 1919

aus: Joseph Roth - Reportagen aus Wien und Frankreich


Anmerkung

[1Am 19. 5. 1919, dem Erscheinungsdatum der Interviews und Betrachtungen, befand sich Österreich in einem Übergangszustand. Aus der Habsburg-Monarchie war am 12. November 1918 die Republik Deutschösterreich entstanden, die sich als Teil der aus der Hohezollernmonarchie vervorgegangenen Deutschen Republik verstand. Dem machten die Siegermächte im Vertrag von Saint-Germain mit dem 16. Juli 1920 ein Ende und zwangen den nun als Republik Österreich bezeichneten Staat in die Unabhängigkeit von Deutschland und zum Verlust des größten Teils seiner Fläche. Böhmen, Mähren, Österreichisch-Schlesien und einige Gemeinden Niederösterreichs wurden der neu gegründete Tschechoslowakei zugeschlagen. Genauso erging es dem deutschsprachigen Sudetenland. Galizien ging an Polen. Südtirol, Welschtirol, das Kanaltal und Istrien wurden Italien übergeben. Die Bukowina wurde rumänisch, Dalmatien, Krain, Teile der Untersteiermark sowie das Kärntner Mießtal und das Seeland fielen an das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.
Heute erleben wir erneut, wie Staats- und Einflussgrenzen mit Druck bis hin zum Einsatz kriegerischer Mittel verschoben werden. Joseph Roth vermittelt das Gefühl der Unsicherheit, unter der die Bewohner Österreichs litten. Unsere derzeitige politische Lage erlaubt es uns leider nur zu gut, uns in die Figuren seiner Erzählung einzufühlen.

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